Foto oben: Thomas Mayer, http://thomasmayerarchive.de/

tiger and turtle - magic mountain

(Höhe x Breite x Tiefe = 20,6 m x 48,2 m x 34,4 m, Länge des Tracks ca. 220 m)
Begehbare Außenraumskulptur, verzinkter Stahl, Gitterrostböden

© Heike Mutter & Ulrich Genth 2009 - 2011


Looping zu Fuß

Schon von weitem sichtbar thront das kurvige Gebilde gravitätisch auf dem grünen Hügel. Der erste Eindruck geht in Richtung Achterbahn, aber dafür ist das Stück doch irgendwie zu exponiert, zudem steht es ohne jeden Kirmes-Kontext da. Auch kein Wagen, der da über die Bahn rattert, keine Leuchtreklame, kein Geschrei von adrenalinberauschtem Publikum. Je näher man der Sache kommt, desto irritierender muss einem die abstrakte Attraktion erscheinen, die still in sich ruht wie autonome Skulptur. Und tatsächlich handelt es sich hier um eine Außenraumskulptur, die Heike Mutter und Ulrich Genth speziell für den Standort der Duisburger Heinrich-Hildebrand-Höhe entworfen haben und die im Winter 2011 fertiggestellt sein wird. Das paradoxe Konstrukt mit dem Titel Tiger & Turtle – Magic Mountain ist eine Achterbahn für Fußgänger: Auf einem etwa einen Meter breiten, stählernen Pfad von 220 Metern Länge bis zu 15 Metern Höhe werden Besucher durch zahlreiche Kurven und Steigungen geleitet – entlang an spektakulären Aussichtspunkten und zu Stellen, an denen man zu Fuß, wortwörtlich, nicht mehr die Kurve kriegt. Genau da aber kreuzen sich Bild und Realität, wird Absurdität zur Geste. Passend für ein Kunstprojekt haben Mutter/Genth die begehbare Skulptur hier förmlich auf den grünen Sockel gehoben. Aus der Ferne fragt man sich, was eigentlich künstlicher wirkt: Die eleganten Schwünge, die einen auch an Stella oder Moore erinnern könnten, oder der tragende Berg, ein baumfrei-glattbewachsener Rasenhügel wie aus dem Modellbau-Shop, den man sich als Basis für die gigantisch abstrakte Plastik nicht passender vorstellen kann. Zwar war der Berg schon vorher da, aber künstlich ist er trotzdem – er kaschiert eine Anhäufung von Problemstoffen, Tausende Tonnen hochgiftiger Zinkschlacke sind dort innerhalb nur eines Jahres aufgeschichtet, dann zunächst mit „grünem Anstrich“ versehen und nun mit „Kunst im öffentlichen Raum“ komplettiert worden. „In dem Berg sind so viele Schwermetalle enthalten“, so Genth, „dass immer gescherzt wurde, wir könnten den Ökostrom für das Projekt aus dem Berg selbst ziehen, indem wir einfach Säure rein kippen.“(1) Mutter/Genth sind als Künstler verschlagen genug, um solchen Gegebenheiten und der Gefahr von landschaftspolitischer Instrumentalisierung mit Ironie und Paradoxie statt mit hilflos moralischer Geste zu begegnen: Den angehäuften Restmüll erst mit einer Achterbahn, demInbegriff der Spaß- und Freizeitgesellschaft, zu überdachen, um das dann in einen skulptural entschleunigten Rummelplatz der Kunst zu übersetzen. Die Kernidee, den Giftberg ganz affirmativ durch eine Attraktion zu toppen, von der aus sich, im Wortsinn, über alles hinwegsehen lässt – das ist nicht ohne Komik und funktioniert als lakonischer Kommentar womöglich schlüssiger als jeder Versuch, mit diesem Standort kritisch umzugehen. Im Titel ist eine gewisse Mehrdeutigkeit markiert: Der Form nach an die martialische Namenstradition der Achterbahnbetreiber angelehnt, die ihre Fahrgeschäfte gern Kolossos oder Steel Dragon taufen, bezieht sich Tiger & Turtle inhaltlich, so Genth, „auf das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte, also dem Symbol für Langsamkeit, einerseits, und auf den Tiger als Kapitalismussymbol, andererseits. Das Ding sieht eben nur aus der Ferne schnell aus, man kann es dann aber nur recht mühsam zu Fuß erklimmen.“(2) Und das einem da als Fußgänger außer einer grandiosen Aussicht tatsächlich ein – praktisch freilich unpassierbarer – Looping geboten wird, konfrontiert ihn mit der absurden Komik von Grenzerfahrung im Schritttempo.

(Auszug aus einem Text von Jens Asthoff)

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